Vom Sinn und Unsinn der Psychotherapie

Psychotherapie ist immer sinnvoll... Könnte man meinen. So richtig aufräumen, seine Psyche auf den Vordermann bringen. Klingt toll und passt gut ins Schema.

Nein, Moment mal!

Nehmen wir mal an, dass die Psyche eines ganz normalen erwachsenen Menschen zu 90% auf Illusionen, Lügen und Nicht-Wahrheiten aufgebaut ist. Was? 90%??? Ich übertreibe? Nein, tut mir leid. Ich übertreibe leider nicht. Und mit dem Satz "Nehmen wir mal an" habe ich geflunkert. Wenn Sie das hier lesen, werden Sie wahrscheinlich keine 90% Illusionen haben. Herzlichen Glückwunsch! Aber bleiben wir bei den 90%. Ja, mit den 90% und einem Wahnsinnsleidensdruck geht der Mensch dann zur Psychotherapie. Die Psychotherapie hat ja zur Aufgabe, mit der Psyche zu arbeiten. Nur was passiert, wenn die Grundfesten, auf denen die Psyche aufbaut, zu 90% Fake sind? Gar nichts? Oder entsteht noch mehr Fake? Oder lernt man, mit dem Fake noch besser zurechtzukommen? Und die restlichen 10% haben nichts zu sagen? Die sind halt nicht systemkonform, oder wie man das heute so schön sagt: nicht systemrelevant. Außerdem gibt es dafür Diagnosen und Medikamente und auch noch andere tolle Erklärungen, die ganz schön aufs Selbstwertgefühl gehen... Und dann kann man sich wirklich jahrzehntelang damit beschäftigen, an der Psyche herumzuwerkeln. Sehr sinnvoll... Entschuldigen Sie meinen Sarkasmus. Oder auch nicht.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin ein großer Fan von psychotherapeutischen Interventionen! Aber bitte nur dann, wenn sie auch sinnvoll sind. Denn sie bewirken nichts bzw. das Gegenteil, wenn die Annahmen, auf denen die Psyche basiert, falsch sind. Also, Schritt 1: Desillusionierung. Autsch. Schlimmer als festzustellen, dass man sich selbst belogen und sein Selbst- und Weltbild auf Lügen aufgebaut hat, wird es nicht. Der schlimmste Schmerz ever. Schritt 2: Wieder aufstehen, Krone richten – weiter geht's! Dann können wir auch im 3. Schritt eine psychotherapeutische Intervention ins Auge fassen, z. B. ein Trauma in Ordnung bringen. Dann wird es auch Sinn machen, und zwar auf allen Ebenen. Also, lassen Sie uns die Psyche wieder von Fake-Vorstellungen lösen und an das Wahre anbinden. Dann gibt es eine Chance...

Übrigens ist es gar nicht so einfach ein Fake zu erkennen. Ich werfe auch niemandem vor, es nicht zu können. Wir wurden alle darauf trainiert, so zu leben, als wären Fakes echt. Jedes Fake kann Vorstellungen, Gedanken, Bilder, Emotionen und sogar körperliche Schmerzen erzeugen, die sich absolut echt anfühlen und in dem Moment auch real sind. Erst mit etwas Abstand zu diesem "Produkt" lässt es sich zuverlässig einschätzen, was es ist. Und dann, nachdem das Luftschlösschen eingestürzt ist, geht die Reise erst richtig los.

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