Tiefe innere Zufriedenheit und der Weg dorthin

Inhaltsverzeichnis

 

Traum und Wirklichkeit

Tiefe innere Zufriedenheit – ein Traumgefühl. Egal, was ich mache, ob ich viel geleistet habe, ob mein Leben gerade gut oder schlecht läuft, – da ist eine tiefe innere Zufriedenheit in mir, dass alles so ist, wie es sein soll. Können Sie sich so etwas vorstellen? Oder haben Sie das schon einmal erlebt? Vielleicht in der Natur? Oder bei einem besonders innigen Moment mit einem geliebten Menschen? Oder kennen Sie diesen Zustand nicht, verspüren aber die tiefe Sehnsucht danach? Oder versuchen Sie diesen Zustand in Ihrem Alltag zu imitieren, indem Sie sich z. B. nach getaner Arbeit besonders gut fühlen? Oder sich nach einer Anstrengung mit etwas belohnen? Letzteres ist ein Ersatz und kommt an das Original nicht heran. Aber: Besser als nichts! Oder doch nicht? Schauen wir es uns Schritt für Schritt genauer an.

„Fehl am Platz“

Eine Klientin beschreibt ihr Gefühl, fehl am Platze zu sein. Ihre Lösung – typisch für viele Menschen – bestand bislang in der Flucht. Wir können leicht fliehen: eine neue Wohnung, ein neuer Arbeitsplatz, eine neue Beziehung, vielleicht sogar ein neues Land. Irgendwann kommt die Einsicht: All das, was wir hinter uns lassen wollten, kommt mit uns mit. Und für die ganzen inneren Lasten finden sich neue Stellvertreter im Außen, getreu dem Motto: „Spieglein, Spieglein an der Wand, welches Thema ist heute dran?“

Die besagte Klientin beschrieb aber auch Momente – z. B. nach getaner Arbeit –, in denen es ihr richtig gut ging. Die Zufriedenheit war da, alles war gut. Ich bat sie, diesem Gefühl der Zufriedenheit eine Farbe zuzuordnen und sie im Raum zu positionieren. Spannenderweise landete es Rücken an Rücken mit dem Gefühl des Fehl-am-Platze-Seins. Ich wies sie darauf hin, dass ihre intuitive Aufstellung der Anteile nach einem Schutz aussieht. Sie ließ sich auf meine Betrachtungsweise ein und wir beschlossen, zu erforschen, ob meine Annahme stimmte. Die Zufriedenheit äußerte spontan: „Es ist alles gut; es ist alles bestens; es gibt überhaupt keine Probleme.“ Es kostete Kraft, diesen Zufriedenheits-Zustand aufrechtzuerhalten, und es wurde deutlich, dass es ein Schutz war. Die Klientin reagierte mit Betroffenheit und Trauer auf ihr eigenes Schutzsystem: Dass, was sie bislang für echt hielt, war es nicht. Die Schutzhülle der Pseudo-Zufriedenheit war gefallen und damit wurde die Wahrheit, vor der sie sich so sehr schützen wollte, zugänglich.

Unsere Vorstellung von Zufriedenheit

Unsere Vorstellung von Zufriedenheit schließt Schmerz aus. Top oder Flop. Gut oder Schlecht. Schwarz oder Weiß. Wir wollen Zufriedenheit und wollen keine Unzufriedenheit. Außerdem stellen wir uns Zufriedenheit als einen energetisch positiv geladenen Gefühlszustand vor, so eine Art Glücksgefühl (Das würde übrigens kein Mensch lange durchhalten, da zu anstrengend!). Das ist menschlich und sehr verständlich. Was wäre aber, wenn diese Vorstellung nicht zutrifft? Wenn die wahre, also die tiefe innere Zufriedenheit, gar nicht so energetisch aufgeladen und für jedes Erleben offen ist: sowohl für den Schmerz als auch für die Freude, sowohl für das Gute als auch für das Schlechte, sowohl für die Sonne als auch für den Regen? Wäre das nicht ein natürlicherer Umgang mit dem Leben? Eine tragfähigere Verankerung im Leben, die sich deutlich weniger von den äußeren Begebenheiten (z. B. dem Grad der eigenen Leistung) beeinflussen lässt? Auch das Lebensklavier hat weiße und schwarze Tasten! Die oben erwähnte Therapiesitzung weist in die Richtung. Ohne die Annahme des eigenen Schmerzes gibt es keine wirkliche Zufriedenheit. Die andere Zufriedenheit ist ein Fake, ein Versuch, die Lücke mit Leistung, Anerkennung, Geld und anderen Dingen (oder auch Menschen) zu füllen.

Wo ist der Zugang versteckt?

Warum kennen wir aber dieses Gefühl nicht und sehnen uns gleichzeitig so sehr danach? Letzteres erkläre ich damit, dass es einfach in uns angelegt ist. Es ist bereits in uns da, der Zugang ist aber durch Erfahrungen und Überlebensleistungen gesperrt. Wir kennen es also nicht oder wir erinnern uns nicht oder nur sehr vage, weil wir die Zugangskarte verloren, verlegt oder versteckt haben. Nein, nicht verloren! Man kann sie nicht verlieren. Sie ist nur gut versteckt und man kann sie wieder finden. Angenehm wird es aber nicht. "Ganz oder gar nicht" ist hier das Motto. "Annahme und Hingabe an alles, was ist und was war" lautet die Lösung. Oder die Zugangskarte bleibt im Verborgenen. Die Sehnsucht wird weiter rufen und möglicherweise sogar Süchte hervorrufen, wenn nicht bereits geschehen.

„Annahme und Hingabe an alles, was ist und was war" lautet die Lösung – das klingt so einfach... Es erfordert aber tatsächlich viel Mut, Konsequenz und Geduld. Schicht für Schicht werden die Überlebensstrategien erkannt, angesehen und abgelegt. Immer mehr Verborgenes, Verleugnetes, Verdrängtes und sogar Abgespaltenes kommt ans Licht. Eine wahre Leistung, die sich aber im Nachgang nicht in der seichten Anerkennung der getanen Arbeit ausdrückt, sondern ein tieferes und ruhigeres Gefühl von Zufriedenheit hinterlässt, das bestätigt, dass man auf dem richtigen Weg ist und etwas für sich geklärt hat.

Ist irgendwann die letzte Hülle zum eigenen Schmerz gefallen und kann er angenommen werden, so wird gleichzeitig auch der Zugang zur tiefen inneren Zufriedenheit freigeschaltet. Die Angst vor Verletzungen verschwindet, weil die ursprünglichen Verletzungen, die im Hintergrund immer wieder den Schutz aktiv werden ließen, eine Chance bekommen, zu heilen. Nur wer dem Leben „schutzlos“, also direkt, begegnet, kann wahre Zufriedenheit erleben.

In einer Sitzung habe ich erlebt, dass eine Klientin den Zugang zur tiefen inneren Zufriedenheit etwas „vorzeitig“ bekam, also ohne ihr großes Thema geklärt zu haben. Sie hat einen kleineren Anteil ihres Themas im Ansatz geklärt und daraufhin öffnete sich die Tür zu einem neuen Raum, ihrem eigenen Raum nur für sie alleine, in dem sich die tiefe innere Zufriedenheit (So hatte die Klientin diese Position selbst benannt und für sich als Ziel festgelegt.) befand. Ihre Gedanken kamen zur Ruhe, sie fühlte sich erfüllt und zufrieden. Nach dieser Sitzung entschied sie sich übrigens gegen die weitere Klärung. Im ersten Moment fand ich das überraschend, da der Zugang grundsätzlich offen stand (und ich vom Typ her die Gelegenheit gern beim Schopf packe, wenn es um meine eigenen Prozesse geht). Etwas später begriff ich, dass sich ihre Anteile (Wollen vs. Nicht-Wollen) neu justiert haben. Das passiert immer wieder. Und schließlich hat jeder von uns die Entscheidungsgewalt in eigener Hand.

Die Verwandtschaft mit der bedingungslosen Liebe

Eng verwandt ist die tiefe innere Zufriedenheit mit dem Aspekt der bedingungslosen Liebe. Wer bedingungslose Liebe nicht erlebt hat, wird auch Schwierigkeiten haben, sich innerlich zufrieden zu fühlen. Die Lücke, die tiefe Sehnsucht, und der Schmerz entstammen ursprünglich einer sehr frühen Liebesverletzung. Sich einzugestehen, dass man sich weiterhin nach der bedingungslosen Liebe sehnt, ist ein erster wichtiger Schritt. Sie dann anzunehmen, erfordert Mut. Denn auch die wahre Liebe schließt den Schmerz nicht aus. Sie ist keine rosa Watte, die die Welt schön und gut und edel erscheinen lässt. Mit Verliebtheit und romantischen Gefühlen hat sie ebenso wenig zu tun. Wer der wahren Liebe näher kommt, wird automatisch auch mit dem eigenen Schmerz konfrontiert. Und so jagen wir lieber der falschen Liebe nach, geben vor, echte Liebe zu wollen und geben uns enttäuscht, wenn wir sie nicht bekommen, und vermeiden sie dabei um jeden Preis, um nicht an die alten Schmerzpunkte zu gelangen.

Anerkennen des Lebens, wie es ist – in Schmerz und in Freude

Eine Lösung, egal was das Ziel ist – Liebe, Zufriedenheit, Selbstwert – kommt in Sicht, wenn wir die Fähigkeit der Annahme und des Sich-Einlassens aktivieren. Natürlich kann man auch hier nichts erzwingen, aber doch an den einzelnen Punkten entsprechende Entscheidungen treffen. Hat man sich dafür entschieden, bestimmte Schmerzpunkte anzusehen, wird der Prozess des Erkennens in Gang gesetzt. Das Erkennen macht das Annehmen grundsätzlich möglich. Vor der Annahme kommt die Annäherung, die manchmal nur in kleinen Schritten vonstattengehen kann, da sie immer wieder neue Schichten von Schmerz und Schutz hochspült. Nach der Annäherung und der Annahme kommt die Integration, die ihre Zeit braucht und wiederum neue Prozesse auslösen kann. Hat man aber einmal das Gefühl der tiefen inneren Zufriedenheit freigeschaltet, kann man sich darauf verlassen, dass es im Hintergrund immer aktiv bleibt, wie so eine Art Hängematte, auch wenn man zwischenzeitlich immer mal wieder den Kontakt dazu verlieren kann. Und so erlebt man das Leben voll und ganz und fängt an, es in wirklich allen Aspekten und Facetten zu genießen: in Schmerz und in Freude, tags und nachts, im Sommer wie im Winter, alleine und mit anderen, in Arbeits- und in Erholungsphasen. Der Kreis schließt sich und geht gleichzeitig immer weiter. 

 

Fragen zum Nachforschen und Ergründen

  • Fühle ich mich innerlich zufrieden? Grundsätzlich? Oder nur in bestimmten Situationen? Oder nur mit bestimmten Menschen?

  • Tue ich etwas aktiv, um mich zufrieden zu fühlen? Z. B. Ordnung schaffen, viel arbeiten, etwas leisten, besonders perfekt sein?

  • Kenne ich das Gefühl, einfach nur zufrieden zu sein, ohne Wenn und Aber? Wenn nicht: Kann ich mir überhaupt vorstellen, dass es so ein Gefühl / so einen Zustand gibt?

  • Erkenne ich die Unzufriedenheit in anderen Menschen? Wie reagiere ich darauf? Mit Verständnis? Oder abwehrend? An welchen Punkten spiegeln sie mir meine eigene Unzufriedenheit wider?

  • Kenne ich meinen Schmerz? Habe ich ihn mir schon einmal angesehen? Ihn angenommen und umarmt? (Anmerkung: Leid ist nicht dasselbe wie Schmerz. Wer viel leidet / viel gelitten hat, kennt deswegen den eigenen Schmerz nicht zwangsläufig.)

  • Kenne ich meine Wunden? Oder ist es alles nur Schnee von gestern und lange vorbei und vergessen?

  • Sind aus meiner Sehnsucht vielleicht Süchte entstanden? Bin ich vielleicht arbeitssüchtig oder drogensüchtig? Oder brauche ich Alkohol? Oder Anerkennung und Bestätigung von außen? Wie lange will ich noch die Sehnsucht mit dem Betäuben durch die Süchte bekämpfen?

  • Bin ich bereit, das Leben so zu nehmen, wie es kommt? Oder habe ich Einwände oder Vorstellungen, wie ich es gern hätte? Z. B. im Lotto gewinnen? Oder nicht krank werden? Immer leistungsfähig und gut drauf sein? Bin ich bereit, meine Vorstellungen vom Leben einer Überprüfung zu unterziehen? Bin ich vielleicht sogar bereit, meinen Schutzmechanismen auf die Schliche zu kommen?

  • Wie will ich meine restliche Lebenszeit verbringen?

 

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